Zusammenhang von Mitgefühl, Achtsamkeit und Resonanz

Wer gegenwärtig einen Vortrag entweder zum Thema Mitgefühl oder zum Thema Achtsamkeit hört, wird nicht selten bemerken, dass die Verbindungen zwischen beiden Themenbereichen deutlich herausgestellt werden. Dass mag hauptsächlich daran liegen, dass sowohl Achtsamkeit wie auch Mitgefühl Meditationsübungen haben und zu neuen Formen der Spiritualität gehören. Aber auch zur soziologischen Theorie der Resonanz werden Bezüge hergestellt. Mit aller Vorsicht wird man sagen dürfen, dass alle drei Konzepte mentale Vorgänge beim Menschen im Blick haben, also Denkmuster und Gefühle, und diese in Beziehung setzen zu einem Wandel im Denken gegenüber der Schnelllebigkeit des Alltags und der Zunahme von Unverbindlichkeit.

Hartmut Rosa wehrt sich allerdings dagegen, dass sein Konzept der Resonanz zu stark in die Nähe der Ansätze von Achtsamkeit gerückt wird und bestreitet, dass es gemeinsame Grundauffassungen gibt. Für ihn ist Achtsamkeit als moderne Bewegung selbst in der Gefahr, als Ressource zur Selbstoptimierung betrachtet zu werden (Stratmann 2016).

Dennoch bleibt, dass die drei Konzepte geeignet sind, den grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Aufmerksamkeit, sozialen Emotionen und zwischenmenschlichen Beziehungen genauer zu betrachten. Das zeigt zum Beispiel die Aufnahme der Verbindung von Mitgefühl und Achtsamkeit in den Erziehungswissenschaften: „Speziell Mitgefühl (compassion) und Selbstmitgefühl (self compassion) haben sich dabei zu einem sehr wichtigen, eng mit Achtsamkeit verbundenen Forschungsfeld mit großer Bedeutung für Schulpädagogik, Lehrerbildung und Lehrergesundheitsförderung entwickelt“ (Valtl 2018 S.1). Damit ist ein wesentlicher Aspekt der Intention der Ausstellung beschrieben, denn sie richtet sich eben auch an Kinder und Jugendliche.

 

Eines der wesentlichen Dokumente zur Beschreibung der Elemente eines diakonischen Profils bzw. diakonischer Kultur ist das von dem Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland entwickelte und herausgegebene Papier „Charakteristika einer diakonischen Kultur“ (2008). Schon bei den einleitenden Fragestellungen werden zwei herausragende Elemente genannt, nämlich „Aufmerksamkeit“ und „Mitgefühl“.

 

„Was ist diakonische Kultur? Wie kann diakonische Kultur entwickelt und gepflegt werden? Ist diakonische Kultur eine besondere Unternehmenskultur? In dieser Dokumentation wird auf diese Fragen eine Antwort gegeben. Dabei bilden Aufmerksamkeit und ein sensibles Mitgefühl für den Nächsten die zentralen Ausgangspunkte“ (Charakteristika 2008 S. 5).

 

Mitgefühl ist der emotionale Kern von Diakonie und Seelsorge. In den Anfängen des Christentums, das zeigen die Erzählungen des Neuen Testaments an vielen Stellen, waren Empathie und Mitgefühl sehr geschätzte Elemente christlichen Glaubens. Ganz am Anfang in einer Erzählung, die als Urkunde der Diakonie gilt, findet sich der Begriff “Eleos”. Die Menschen, die zur damaligen Zeit griechisch sprachen, verstanden darunter das, was wir heute “Mitgefühl” nennen.

Neure wissenschaftliche Übersichtsstudie zum Mitgefühl kommen zu dem Ergebnis, dass Mitgefühl aus mindestens drei Komponenten besteht, nämlich Wahrnehmung, Fühlen und Handlung als Reaktion (Strauss 2016).

Erstaunlicherweise geht es in den biblischen Erzählungen wie in den modernen wissenschaftlichen Beschreibungen zu Mitgefühl immer um den komplexen Zusammenhang zwischen Wahrnehmung, Gefühl und konkreter Hilfeleistung.

Diese Elemente tauchen in der Beispielgeschichte auf, die Jesus über einen Reisenden aus Samaria erzählt. Er nimmt einen von Räubern überfallenen, halbtot geschlagen Menschen wahr, an dem zwei andere schon vorbeigegangen waren, ohne etwas zu tun. Er sieht hin, kann das Elend des Verwundeten kaum ertragen und hilft.

 “... als er ihn sah, jammerte es ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm…” wird in Lukas 10, 33 über den Vorgang gesagt, der am Ende der Episode als Mitgefühl benannt wird.

Diakonie hat in dem, auf was sie sich beruft, also genau diese Aspekte:  Hinschauen auf offenbare oder verdeckte Not, das sich anrühren lassen bis in die Eingeweide und dann die Handlung in den unterschiedlichsten Aspekten von direkter Hilfeleistung noch auf der Straße bis hin zur Unterbringung und bezahlten Pflege.

Inwieweit die Besucher der Ausstellung diesen Zusammenhang sehen oder nachvollziehen wollen bleibt immer den subjektiven Wahrnehmungen und Eindrücken überlassen. Vielleicht erschließen sich durch die Ausstellung neue Perspektiven. In der öffentlichen Diskussion erscheint diese Thematik manchmal sehr einseitig und damit auch unterkomplex dargestellt. Mitgefühl ist eine soziale Emotion, die in der Entwicklung der Menschheit von überragender Bedeutung war. Inwiefern Mitgefühl zur jeweiligen Zeit ein soziokulturelles Leitbild sein kann, das sich auch über die eigene Gruppe hinaus auf alle Menschen bezieht hängt wohl auch davon ab, worauf Menschen ihre Aufmerksamkeit richten und wovon sie sich berühren lassen.

 

Charakteristika einer diakonischen Kultur. Stärkung des diakonischen Profils (Diakonie Texte) (2008). Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V. (Hg.). Online verfügbar unter www.diakonie.de/fileadmin/user_upload/Texte-2008-01-Charakteristika-diakonische-Kultur.pdf.

Stratmann, Birgit (2016): Achtsamkeit löst die Probleme nicht. Interview mit Hartmut Rosa. Online verfügbar unter https://ethik-heute.org/achtsamkeit-loest-unsere-probleme-nicht/.

Strauss, Clara; Lever Taylor, Billie; Gu, Jenny; Kuyken, Willem; Baer, Ruth; Jones, Fergal; Cavanagh, Kate (2016): What is compassion and how can we measure it? A review of definitions and measures. In: Clinical psychology review 47, S. 15–27.

Valtl, Karlheinz (2018): Pädagogik der Achtsamkeit. Universität Wien. Zentrum für LehrerInnenbildung. Wien.